Montage des Kunstwerks 1852-2018

Von New York City nach Schleswig-Holstein.

An einem der letzten Tage des Jahres 2016 bin ich in Manhattan von meinem iMac aus, auf die deutsche eBay-Kunstauktion gestoßen. Draußen war es eisig kalt, ein heulender Dezemberwind pochte gegen die Fensterscheiben. Der Computerschirm dagegen schien ein häuslicher Kachelofen zu sein. Ich wurde erwärmt durch das, was ich sah.

Ein Händler aus einem winzigen Ort im deutschen Bundesland Schleswig-Holstein bot vier ramponierte Fenster mit Bleiverglasung, aus einer unbekannten deutschen Synagoge, an (vermutlich aus einem Zeitraum zwischen 1790-1850, war dabei angegeben). Obwohl sie ramponiert waren, wirkten sie auf dem beleuchteten Bildschirm farbenreich und robust. Sie machten Eindruck auf mich.

Leichtsinnig oder gerade überlegt, unterbreitete ich von meinem Stuhl in New York City aus, ein Angebot an einen unbekannten Händler aus Deutschland.

Bevor ich erstmal ruhig weiteratmen konnte, erschien die Reaktion schon auf meinem Bildschirm: Gratuliert, Sie sind der glückliche Besitzer der 4 Fenster

Fassungslos wie ich war, ist es kaum richtig zu mir durchgedrungen. Die Realität des Zahlungs- und Lieferungsprotokolls brachten jedoch eine schnelle Veränderung. Wir trafen ebenfalls die Vereinbarung, dass die Fenster (Gesamtgewicht 400kg) im März zu meinem Atelier in Amsterdam transportiert werden sollten. Die Fenster befanden sich, unbesehen, per 31. Dezember 2016 in meinem Besitz

Vom Computerschirm zeichnete ich die Abbildungen der Glas- und Bleifenster eines nach dem anderen auf Zellophan-Papier ab. Die farbigen Filzstifte vervollständigten die Zeichnungen. Auf diese Weise machte ich mir die Fenster zu eigen.

Ungeachtet dieser modernen Bekanntschaft über den Internetschirm, entstand ein Bedürfnis diese so alten Seelen zu retten und ihre Geschichte in einer würdigen und geschützten Umgebung, zur Wirkung zu bringen. Ich habe mich gefragt: Wo ist das? Wie ist das? Was ist das?

Die Antworten, die zur Erstellung von Skizzen und der Maquette geführt haben, folgen hier:

Wir, die Besucher und Zuschauer, müssen zuerst eine Treppe hinaufsteigen. Wir müssen eine Wanderung nach oben zurücklegen, um unseren Respekt entgegenzubringen. Einmal oben angelangt, werden die vier ramponierten, alten Fenster ihre ergreifende Geschichte erzählen. Der Zuschauer wird gerührt sein und zugleich beeindruckt durch das Licht, das durch das so alte, dünne, gefärbte Glas fällt. Die klaffenden, schwarzen Löcher, die von sehr starken Bleigussformen umrandet sind, machen uns sprachlos. Nach all den Eindrücken, steigen wir die Treppe wieder hinab.

Van New York City naar Phnom Penh, Cambodja 

„Cyber“-blätternd durch die inspirierende Zeitschrift: www.dezeen.com fiel mir eine bemerkenswerte Website auf: www.ateliercole.com. Diese Unterkunft, die auf dem Bambus-Stelzen-Bau konstruiert wurde, mit zierlichen Treppenstufen, gefiel mir sofort: So etwas muss es werden! “ dachte ich gleich. Jedoch, dieser Architekt arbeitet in Kambodscha und ist mit sehr renommierten Projekten beschäftigt, warum sollte meine Maquette ihn ansprechen? kamen die Zweifel auf.

Trotzdem war ich mutig und wagte es, ihm zu schreiben und die Frage zu stellen, ob er schon einmal darüber nachgedacht hat, etwas in Europa zu bauen. Ich habe Unterlagen der Fenster, die Maquette und eine Beschreibung des zu realisierenden Projekts mitgeschickt.

Eine E-Mail, in niederländischer Sprache, mit dem Absender des Architekturbüros Cole, traf in meiner Mailbox ein. Eine niederländische Architektin, die für das Büro in Kambodscha beschäftigt ist, ist nach ausgiebigem E-Mail-Wechsel und skypen, für die Ausführung und „Rendering“ verantwortlich geworden.Das Architektenbüro Cole erklärt sich bereit mitzudenken und übernimmt die Supervision des Projekts, das sich inzwischen zu einem wunderschönen Bauwerk (auf Papier) entwickelt hat, wobei Bambus durch eine Stahlkonstruktion ersetzt wurde.

Von New York City nach Amsterdam

In der Zwischenzeit ist es März 2017 geworden. Die Maquette wurde sorgfältig in nummerierte Stückchen geschnitten und reiste über den Ozean mit nach Europa. Dort wird die Maquette im Amsterdamer Atelier wieder zusammengesetzt

Ich nehme Kontakt mit dem deutschen Händler auf, der vor Ungeduld brennt, die Fenster, zusammen mit seinem bärenstarken Bekannten, zu liefern.

Sie fahren bei Nacht und Nebel in einem Lieferwagen aus Norddeutschland ab. Sie treffen rechtzeitig zu einem herrlichen „ Frühstück chez Marianne ein.

In der Zeit von Dezember bis März hatte ich mir die unterschiedlichsten Vorstellungen von den Fenstern gemacht. Jetzt standen sie, gegen die Mauer gelehnt, dort im Atelier. Kein Lichtstrahl, der durch die Fenster schien, wie auf dem Internetschirm gezeigt. Die beiden deutschen Männer und ich schauten zustimmend zu.

Während sie froh sind den Auftrag endlich abgewickelt zu haben, bin ich zufrieden und auch verblüfft dadurch, dass ich die gigantischen Fenster, bleischwer und teilweise kaputt, wirklich vor mir sehe.

Mit den beiden ermüdeten Herren an meiner Seite, habe ich mich nicht gerade auf die Details konzentriert und hatte ebenfalls keine Kontrollschritte aus nächster Nähe unternommen. „ Mache ich später in Ruhe, allein “, waren meine Erwägungen. Nach einem herzlichen „ Lebe wohl “ verschwand der um 400kg leichtere Lieferwagen aus der Sicht.

Einmal in Einsamkeit in meinem Atelier, rückte ich zögernd näher zu meinen vier „Lieben“.
Jetzt, endlich begegnete ich ihnen allein. Es ergab sich eine verwirrende Periode.

Aufgrund meiner hohen Erwartungen und Unwissenheit über Glas und Blei, bekam ich den Eindruck, dass die Glasabschnitte durch Plastik ersetzt wurden. Ich klopfte mehrmals auf verschiedenen Stellen des dünnen Glases, aber der Ton war dumpf, anstatt hell. Ich war überzeugt davon, dass ich betrogen war und mit einer Nachahmung zu tun hatte („fake glass“).

Ich kontaktierte den Händler, der mir empfiehl die bekannte „ Nadelprüfung“ anzuwenden, das heißt eine Nadel in einer Flamme zu erhitzen und damit das Glas einzudrücken. Wenn es sich um Plastik handelt, dringt die heiße Nadel durch das Plastik hindurch. Sofort folgte ich seinen Rat. Die erhitzte Nadel glitt, jedes Mal wieder, entlang des Glases aus. Nichts war wegschmolzen. Ich schämte mich für meine eigene Unwissenheit.

Der Entschluss, um mich in die Technik und Geschichte von Glas in Blei zu vertiefen, war schnell gemacht. An einem Kurs „Glas in Blei fassen“ teilnehmen, wurde der notwendige nächste Schritt. (www.amsterdamseglasinloodzetterij.nl).

Zum Abschluss des Kurses lud ich die Dozenten zu mir ins Atelier ein, im Zusammenhang mit der Restauration einiger Fenster. Der Sohn des renommierten Familienunternehmens kam vorbei um Fotos zu machen, um auf dieser Grundlage einen Restaurationsplan aufzustellen.
Genauso wie ich, fing der Rahmenglaser Jr. an, auf die gefärbten Scheiben zu klopfen. Er lief von einem Fenster zum anderen, schaute mich verlegen an; „Ich glaube, dass die Fenster aus Plastik hergestellt sind“, sagte er traurig. Er entschied sich ein gelöstes Stückchen Glas mitzunehmen und an seinen Vater sehen zu lassen.

Dieser konnte ohne weiteres den Unterschied machen durch mit einem Glasmesser ein Stückchen abzuschneiden. Bereits schnell kam die erlösende Antwort des Rahmenglasers Sr.: Altes, dünnes, seltsames und wertvolles GLAS.

Aufgrund aller Verwirrung um die Frage, Glas oder Plastik, hatte ich das Reinigen der Fenster aufgeschoben. Inzwischen wurde es Zeit, um behutsam mit dem Putzen anzufangen. Zu meiner großen Überraschung entdeckte ich auf einem Fenster drei verschiedene Unterschriften der Rahmenglaser, die die Fenster hergestellt hatten. Die Jahreszahl 1852 stand deutlich hineingraviert.

Ein prachtvoller Fund, da sich herausstellte, dass der Händler aus dem hohen Norden noch unwissend war. Diese drei Handwerksmänner kamen aus dem niedersächsischen Ort Celle. Ich habe es noch nicht herausgefunden, ob die Synagoge in Celle gebaut wurde oder in anderen Teilen der Region. Es müssen noch weitere Nachforschungen stattfinden.

Von Phnom Penh nach Amsterdam, nach Hardinxveld-Giessendam und zurück.

Die Niederländische Architektin aus Phnom Penh gab an, dass sie für Privatangelegenheiten in die Niederlande kam. Sie schaute sich vor Ort die Fenster und den zu bauenden Standort an. Dies war ebenfalls eine besondere Begegnung, von der ich viel lernte.
Wir haben gemeinsam ausgesucht, welche Bauunternehmer uns die geeignetsten zu sein schienen.
Nach einigen besuchen in Hardinxveld-Giessendam (Niederlande), wo der auserwählte Bauunternehmer seinen Betrieb hat, wurde die Montage des Kunstwerks 1852–2018 vereinbart und für März 2018 eingeplant.